Barrierefreiheit in Luxembourg

Pia und Martine sind Stammgäste im Restaurant „Madame Witzeg“. © FOTO: Marc Wilwert

Die Gastronomie- und Hotelleriebranche engagiert sich für die „stillen Stunden“ in Luxemburg

Nach dem Handel ist nun die Gastronomie an der Reihe. Seit 2025 verbreiten sich die stillen Stunden schrittweise auch in Cafés, Hotels und Restaurants in Luxemburg. Dabei wird das Konzept vom Familienministerium und dem Berufsverband Horesca unterstützt.

Ein Netz von über 40 Verkaufsstellen

Drei Jahre nach dem Start bei Auchan gibt es die stillen Stunden inzwischen an rund 40 Standorten in Luxemburg. Dazu gehören Cactus, Auchan, Leclerc und die Buchhandlung Ernster.

Im April 2026 führt Cactus das Konzept auch in seiner Filiale Esch-Lallingen ein. Damit kommen zu den bereits bestehenden Standorten Roodt-Syr, Kayl, Ettelbrück und Belle Etoile weitere Angebote hinzu. Die Zeitfenster ähneln sich von Filiale zu Filiale. Sie finden dienstags von 8 bis 10 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr statt. Dabei handelt es sich jeweils um Zeiten mit geringerem Kundenaufkommen.

Cactus-Betriebsleiter Cédric Gonnet kündigt an, das Angebot schrittweise auszuweiten. Allerdings müssen ältere Filialen dafür teilweise noch umgebaut werden.

Das Projekt „Bewosst“ sensibilisiert die Gastronomie

Im September 2025 stellt Familienminister Max Hahn das Projekt „Bewosst“ vor. Es soll die Gastronomiebranche auf einen inklusiveren Umgang mit Menschen mit Behinderung vorbereiten.

Auch Horesca-Generalsekretär Steve Martellini betont die Bedeutung des Projekts. Cafés und Restaurants seien ein zentraler Ort des gesellschaftlichen Lebens. Deshalb sei ein einladender Empfang für alle besonders wichtig.

Die Zahlen unterstreichen diesen Bedarf. Bei der Volkszählung 2021 gaben 15 % der Einwohner Luxemburgs an, mit einer Behinderung zu leben. Davon sind 80 % unsichtbar.

Aus diesem Grund organisiert Info-Handicap Workshops zu fünf Behinderungsarten. Zusätzlich gibt es Lehrvideos für das Servicepersonal. So sollen die Beschäftigten besser auf unterschiedliche Bedürfnisse vorbereitet werden.

Ein Konzept, das für die Gastronomie neu gedacht werden muss

Anders als in Supermärkten stehen Restaurants vor engeren Räumen und einer anderen Atmosphäre. Deshalb lässt sich das Konzept nicht ohne Weiteres übertragen.

Janssen Liu, Berater bei der Luxembourg Confederation, räumt ein, dass die Umsetzung anspruchsvoll ist. Die Branche muss eigene Lösungen entwickeln, die an ihre Gegebenheiten angepasst sind. Das Modell aus dem Handel kann also nicht einfach übernommen werden.

Dafür gibt es bereits konkrete Ansätze. Ende November 2025 organisierte das Ministerium gemeinsam mit Info-Handicap, Horesca Luxembourg und der Luxembourg Confederation einen eigenen Workshop für den Horeca-Sektor.

Madame Witzeg, ein Pionier-Restaurant

In Belvaux geht das inklusive Restaurant Madame Witzeg noch einen Schritt weiter. Seit April 2026 richtet es jeden ersten Dienstag im Monat eigene stille Stunden aus.

Gegen 11.30 Uhr gehen die Lichter nach und nach aus. Gleichzeitig verstummt die Musik. Außerdem arbeitet das Personal besonders behutsam. Zum Team gehören auch Menschen mit Trisomie 21.

Für die verantwortliche Leiterin Manon Arent ergibt sich dieser Schritt logisch aus dem inklusiven Selbstverständnis des Hauses. Zudem wurde das gesamte Team von Info-Handicap geschult.

Ihrer Erfahrung nach braucht es nur wenige Anpassungen, um ein Restaurant deutlich zugänglicher zu machen. Damit zeigt Madame Witzeg, dass sensorische Inklusion auch im Gastronomiealltag umgesetzt werden kann.

Madame Witzeg teilt diesen Ansatz landesweit nur mit einem weiteren Betrieb: dem Restaurant Beim Bertchen in Wahlhausen. Diese geringe Zahl zeigt zugleich, wie viel in der luxemburgischen Gastronomie noch zu tun bleibt.

Eine europaweite Herausforderung

Das Thema reicht jedoch über Luxemburg hinaus. Auch in Frankreich gibt es bereits gesetzliche Regelungen für stille Stunden.

Dort verpflichtet ein Gesetz aus dem Jahr 2021 Geschäfte ab 1.000 Quadratmetern zu stillen Stunden. Allerdings bleibt auch dort die Gastronomie von einer entsprechenden Pflicht ausgenommen.

Somit bleibt die sensorische Inklusion in Restaurants eine offene Aufgabe. Das gilt sowohl für Luxemburg als auch für seine Nachbarländer.