Barrierefreiheit in Luxembourg

écran "Paramètres vocaux" sur un téléphone Android. La voix "Mia" est sélectionnées. Autres réglages: débit de parole, volume de la parole. hauteur de la voix

Mia und Mil, zwei luxemburgische Sprachausgaben

Aktualisierung vom 06.08.2026. Ende Juni stellte der SIP das Projekt auf den VoxxedDays in Mondorf-les-Bains vor und veröffentlichte anschließend das Video dieses Vortrags. Daraus geht zunächst hervor, dass Luxemburgisch als „low-resource language“ gilt, weshalb sich die Datenbeschaffung als besonders heikel erwies. Das LOD-Wörterbuch des ZLS mit seinen Lautschriften und Tonaufnahmen diente deshalb als Rohstoff. Überraschend war außerdem die tatsächliche Nutzung: Statt Artikel im Netz lassen sich die Nutzerinnen und Nutzer vor allem E-Mails und WhatsApp-Nachrichten vorlesen, deren Rechtschreibung oft ungenau ist und die Aussprache erschwert. Einige Grenzen bleiben zudem bestehen, etwa ein iOS-Fehler, der den Punkt englisch als „dot“ liest, oder die luxemburgischen Emoji-Bezeichnungen, die beim internationalen CLDR verwaltet werden. Der SIP betont schließlich, dass die Verbreitung einer Neuerung Zeit, Kommunikation und Support erfordert.


Seit März 2026 lesen zwei synthetische Stimmen luxemburgische Texte laut vor, auf Computer, Tablet und Smartphone. Sie heißen Mia und Mil. Beide sind kostenlos, funktionieren offline und lassen sich in die gängigen Screenreader einbinden.

Warum Luxemburgisch bei Screenreadern fehlte

Ein Screenreader gibt den Bildschirminhalt akustisch wieder. Dafür braucht er eine Sprachausgabe in der Sprache des Textes. Luxemburgisch war jedoch in keinem der großen Betriebssysteme verfügbar.

Bislang half deshalb meist ein Notbehelf: Eine deutsche Stimme las den luxemburgischen Text vor. Das funktioniert einigermaßen, verlangt aber ständige gedankliche Übersetzungsarbeit. Wer damit den ganzen Arbeitstag bestreitet, trägt eine zusätzliche kognitive Last und ermüdet schneller.

Blinde und sehbehinderte Menschen profitieren daher am stärksten. Der Nutzen reicht allerdings weiter: Jede Person, die sich luxemburgische Texte anhören möchte, kann die Stimmen aktivieren.

Zwei Stimmen aus einem öffentlichen Projekt

Mia ist eine weibliche Stimme, Mil eine männliche. Entstanden sind beide im Rahmen eines Tech-in-Gov-Projekts, das das Ministerium für Digitalisierung nach dem Projektaufruf 2025 finanzierte.

Die Federführung lag beim Informations- und Pressedienst der Regierung (SIP). Das Zenter fir d’Lëtzebuerger Sprooch (ZLS) steuerte die sprachlichen Ressourcen bei, darunter das Online-Wörterbuch LOD, und begleitete das Projekt bei Fragen zu Prosodie, Grammatik und Lexikon. Das Zentrum für die Entwicklung von Sehkompetenzen (CDV) organisierte die Nutzertests und meldete zahlreiche Korrekturen zurück. Die technische Umsetzung übernahm schließlich LouderPages, ein Beitragender des freien Projekts RHVoice mit Erfahrung in ressourcenarmen Sprachen.

Der Zeitplan war straff. Am 19. Januar 2026 startete der öffentliche Betatest. Gut zwei Monate später, am 30. März 2026, erschien die stabile Fassung.

Wie die Stimmen Luxemburgisch lernten

Am Anfang stand der Wortschatz: rund 70 000 luxemburgische Wörter aus den Beständen des ZLS. Jeder LOD-Eintrag enthält in der Regel die Lautschrift sowie eine Tonaufnahme, einzeln und im Satzzusammenhang.

Die größte Hürde war die Mehrsprachigkeit. Luxemburgische Texte enthalten häufig französische, deutsche oder englische Wörter. Manche Wörter sehen in mehreren Sprachen identisch aus, etwa an, si, vu, ville, sou oder rose. Deshalb entstanden zusätzliche Wörterbücher, und eine automatische Spracherkennung wechselt bei Bedarf die Aussprache.

Anschließend nahmen die Details viel Raum ein. Wie spricht man ein Datum, ein Akronym oder ein Emoji aus? In Luxemburg sagt man „C-G-DIS“, ebenso „SIGI“, „TICE“ oder „ANLux“. Spezielle Wörterbücher führen die Stimmen daher durch diese Fälle. Vor- und Familiennamen erhielten dieselbe Behandlung, von Bertemes bis Weydert.

Wo sich Mia und Mil installieren lassen

Die Stimmen laufen über die Anwendung RHVoice, die vier Umgebungen unterstützt. Für jede Plattform gibt es Anleitungen auf Luxemburgisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Ein Blick hinein lohnt sich vor der Installation.

Windows

Die Stimmen arbeiten mit den Screenreadern NVDA und JAWS zusammen.

macOS und iOS

Die Stimmen arbeiten mit VoiceOver zusammen.

Android

Die Stimmen arbeiten mit TalkBack zusammen.

Wer die Stimmen zuerst nur anhören möchte, nutzt das Testformular auf dem Portal für digitale Barrierefreiheit.

Vorlesen auch ohne Screenreader

Die Stimmen dienen nicht allein assistiven Technologien. Unter macOS liest die Bedienungshilfe „Auswahl sprechen“ markierte Textstellen vor. Unter Windows übernehmen Drittanbieter-Werkzeuge diese Aufgabe, etwa Balabolka oder die Browser-Erweiterung Read aloud.

Zwei technische Eigenschaften verdienen Beachtung. Erstens bleibt die Wiedergabe auch bei hoher Geschwindigkeit verständlich, was geübte Screenreader-Nutzer voraussetzen. Zweitens läuft die Verarbeitung vollständig auf dem Gerät, ohne Verbindung zu einem entfernten Server. Die Vertraulichkeit der vorgelesenen Texte bleibt somit gewahrt.

Bekannte Grenzen

Keine Sprachsynthese ist fehlerfrei, und der SIP räumt das offen ein. Manche Fehler stammen aus den Betriebssystemen selbst. Unter iOS etwa spricht das System den Schlusspunkt gelegentlich englisch als „dot“ aus, sogar in einem durchgehend luxemburgischen Absatz.

Auch der Sprachwechsel funktioniert nicht überall. Auf einer Webseite kennzeichnet das Attribut lang theoretisch die Sprache eines Textabschnitts. Unter Windows greift das nur zwischen Sprachen, die die Sprachsynthese kennt. Auf anderen Systemen scheitert der Wechsel, weil Luxemburgisch dort noch nicht als eigene Sprache geführt wird.

Symbole und Emojis hängen schließlich von den Daten des CLDR ab, einer internationalen Einrichtung. Wer luxemburgische Bezeichnungen verbessern will, muss folglich diesen Weg gehen.

Am Projekt mitwirken

Das Projekt bleibt offen, und zwei Formen der Mitwirkung stehen bereit.

Die erste besteht darin, fehlerhafte Aussprachen zu melden. Dabei sollten die Quelle des Dokuments sowie die Nutzungsbedingungen angegeben werden: Gerät, verwendeter Screenreader und gewählte Stimme. Meldungen nimmt der SIP entgegen.

Die zweite richtet sich an Entwicklerinnen und Entwickler. Das gesamte Projekt liegt quelloffen auf GitHub: die Anwendung RHVoice, der Quellcode der Apple-App, der luxemburgische Graphem-zu-Phonem-Konverter sowie die Datendateien von Mia und Mil.

Häufige Fragen

Kosten Mia und Mil etwas?

Nein. Beide Stimmen sind auf allen vier unterstützten Betriebssystemen kostenlos.

Braucht es eine Internetverbindung?

Nein. Nach der Installation arbeiten die Stimmen offline. Kein Text verlässt das Gerät.

Lesen sie auch Französisch oder Deutsch?

Ja, in gewissem Umfang. Zusätzliche Wörterbücher und eine automatische Spracherkennung sorgen dafür, dass französische, deutsche und englische Wörter oder Passagen korrekt klingen.

Funktionieren sie mit jedem Screenreader?

Sie arbeiten mit NVDA und JAWS unter Windows, mit VoiceOver unter macOS und iOS sowie mit TalkBack unter Android zusammen. Das sind die verbreitetsten Screenreader.

Ist das Projekt abgeschlossen?

Nein. Der SIP weist darauf hin, dass sich eine Stimme fortlaufend verbessern lässt. Rückmeldungen fließen weiterhin in Korrekturen ein.

Quellen